Breitbandausbau ohne zeitgemäße (Flatrate-)Tarifangebote ist sinnlos

In Deutschland herrscht seit Jahren eine erstaunliche Einigkeit darüber, das der Breitbandausbau 1in Deutschland Priorität genießen sollte. Die Wirtschaft fordert und die Politik fördert den Breitbandausbau ohne relevante Einwände. Der Breitbandausbau genießt als Infrastruktur-Projekt sogar eine höhere Bedeutung als der Straßenbau. Doch es bedarf dringend einer konkretisierenden Definition des Begriffs „Breitbandausbau“, da von der aktuellen Begrifflichkeit v.a. eine Branche profitiert: Die Telekommunikations-Unternehmen.

 

Zunächst – Fakten zum mobilen Internet

Die Verbreitung von Smartphones in Deutschland nähert sich im Jahr 2015 der Marke von 40 Millionen bei einem Gesamtanteil von 75% am Telefongerätemarkt. Gleichzeitig überholt der mobile Traffic den Traffic durch Desktop-PCs oder Notebooks voraussichtlich im Laufe des Jahres 2015. Im E-Commerce werden bereits über 25% aller Käufer auf Smartphones getätigt.

 

Der „Breitbandausbau“

Wenn im Sprachgebrauch vom Breitbandausbau gesprochen wird, dann ist damit meist eine Form der Mindestübertragungsgeschwindigkeit gemeint. Was jedoch beim Thema Breitbandausbau völlig vernachlässigt wird, ist der Begriff des Datenvolumens. Auch findet keine Unterscheidung in den mobilen und den Festnetz-basierten Breitbandausbau statt. Unter dem Begriff des flächendeckenden Breitband-Ausbaus ist jedoch über das DSL-Festnetz-Internet hinaus auch die Versorgung, mittels der für Langstrecken und auch entlegenen Gebiete optimalen LTE-Technik (4G) zu verstehen. 2

Allerdings wird in diesem Zusammenhang stets von maximal zu erreichenden Mindest-Übertragungsgeschwindigkeiten gesprochen: Waren es zunächst mind. 16 Mbit/s, so steigern sich die aktuellen Forderungen von 50 Mbit/s auf konsensartige 100 Mbit/s bis zum Jahr 2020. Keine dieser Forderungen und Pläne berücksichtigt jedoch ein Mindestvolumen oder schreibt den Telekommunikations-Unternehmen eine Mindestgeschwindigkeit für LTE-Tarife vor.

Selbst die aktuellen „LTE Zuhause-Tarife“ der Deutschen Telekom bieten standardmäßig maximal 30 GB Inklusiv-Volumen mit einer anschließenden Drosselung auf unzeitgemäße 384 kBit/s und dass, obwohl z.B. das LG Köln bei dieser Drosselung der Surf­geschwindigkeit bereits monierte, dass es den Kunden dadurch nicht mehr möglich sei, die „Rechte des LTE Vertrags wahrzunehmen“.

 

Breitbandausbau ohne Flatrate(-Option) – Tempo 20 auf neuen Autobahnen

Ein erfolgreich abgeschlossener Breitbandausbau ohne Volumen-Flatrate oder bezahlbaren Flatrate-Option bleibt langfristig weit hinter seinen Zielen zurück, ist im schlimmsten Falle sogar wirkungslos. Ein mittelständisches Unternehmen, welches bspw. auf die Internetversorgung via LTE angewiesen ist, kann keine sichere Standortinvestition oder -erweiterung planen, wenn ein maximal-Volumen von 30 GB zur Verfügung steht. Selbiges gilt für LTE-versorgte Neubaugebiete im Privaten Bereiche ebenfalls. Bei einer oft beworbenen maximal LTE-Geschwindigkeit von 100 Mbit/s kann ein Kunde diese lediglich 40 Minuten pro Monat nutzen, bevor sein ungedrosseltes Inklusiv-Volumen aufgebraucht ist. Dies zeigt deutliche wie sinnfrei die Geschwindigkeitsangaben vor dem Hintergrund der aktuellen Tariflandschaft in der Praxis sind.

 

Mobile-First

Mit der steigenden Bedeutung von Smartphones gewinnt auch der mobile Internetzugang gegenüber dem klassischen heimischen DSL-Zugang an Relevanz. Beim heimischen Internetzugang ist die Flatrate, d.h. ein, bzgl. Datenmenge und Geschwindigkeit ungedrosselter Internetzugang der Standard. Der Aufschrei der Mehrheit der Kunden der Telekom war daher groß, als diese, in der Rolle des „Festnetz-Platzhirschs“ die DSL-Flatrate abschaffen wollte.

Obwohl beim Festnetz der Standard, so bewegen wir uns, was die inklusiv-Volumina der mobilen Internet-Tarife betrifft, ungefähr auf dem DSL-Festnetz-Niveau des Jahres 2005. Zwar wird auf politischer Ebene die wirtschaftliche Bedeutung von M-Commerce und Mobile-First Dienstleistungen mittlerweile erkannt, der mobile Breitbandausbau wird jedoch nicht als separate Herausforderung adressiert. Im Vergleich zum vergleichsweise teureren und stark subventionierten Festnetz-Breitbandausbau, beinhalten sämtliche mobile Ausbaumaßnahmen keinerlei Regelung von Mindestdatenvolumen oder Flatrate-Verpflichtungen.

 

Speed-On – Der neue Gewinnbringer ersetzt die SMS

Datenvolumen in Deutschland unzureichend - Grafik

Quelle: http://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article141320502/Deutsche-zahlen-gewaltig-fuer-winziges-Datenvolumen.html

Dem Internet via Festnetz stehen in Deutschland aktuell Datentarif-Angebote und Surf-Volumenpakete von 250 bis 2000 MB gegenüber. „Lieber Kunde, Sie surfen jetzt bis Ende des Monats mit reduzierter Geschwindigkeit, da die Volumengrenze Ihres Tarifs erreicht ist. Mit SpeedOn können Sie Ihre Ausgangsgeschwindigkeit wiederherstellen…“ (Beispiel T-Mobile). Jedem Smartphone Nutzer dürfte diese System-Meldung, die dem Nutzer über dessen „Fehlverhalten Datenverbrauch“ durch die anschließende Unbenutzbarkeit des mobilen Internets informiert, geläufig sein. Eine kostenpflichtige Freischaltung des im Vertrag festgelegten Datenvolumens hat sich bei fast jedem Mobilfunkanbieter zum Standard entwickelt. Für eine Einmalzahlung von 5,- bis 15,- EUR kann der Nutzer einen neuen „Happen“ Datenvolumen erwerben. Es wundert daher nicht, dass der finnische Telekommunikationsberaters Rewheel kürzlich feststellte, dass mobiles Datenvolumen im internationalen Vergleich in Deutschland überteuert ist. 

Aktuell ist keine (wesentlich beschleunigte) Steigerung des in Mobilfunkverträgen inkludierten Datenvolumens festzustellen. Doch Warum?

 

Disruptive Angriffe auf Erlösquellen der Telekommunikationsunternehmen

Seitens der Mobilfunkanbieter werden die einstigen Einnahmequellen SMS und MMS  nun durch Datentarif-Optionen ersetzt, was gemäß Stimmen aus der Branche außergewöhnlich gut zu funktionieren scheint. Nachdem die Cashcow SMS durch Whatsapp regelrecht „geschlachtet“ wurde, liegt die Versuchung der Mobilfunkunternehmen nahe, durch niedriege Inkl.-Datenvolumen der verschiedenen Mobilfunk-Tarife neue Erlösströme zu schaffen, zu melken und letztendlich zu bewahren. Das nächste Kerngeschäft der „Telefonie“ der Mobilfunk-Unternehmen wird schließlich durch die Sprachtelefonie-Funktionen der diversen kostenlosen Messenger (Whatts APP, Viber & Co) ebenfalls attackiert.

Von wegbrechenden Einnahmequellen in die Enge getrieben, werden seitens der Mobilfunk-Anbieter politische Hilferufe nach einer Änderung von gesetzlichen Rahmenbedingungen (Öffnung von Kommunikations-Diensten) formuliert und teilweise rechtlich äußerst fragwürdigen Eingriffen in die Netzneutralität (eigenständiges Blocken von Werbeinhalten auf Smartphones) angekündigt, bzw. angedroht.

 

Technische Betrachtung

Doch evtl. hat das geringe Inklusiv-Volumen in Deutschland eine technische Ursache? Ohne ausschweifend zu werden: NEIN.  Sowohl die Mobilfunk-Sendestationen, als auch die Internet-Knotenpunkte könnten weit größere Datenmengen transferieren. Selbst bei kurzeitigen, exorbitant großen Datenmengen existiert die technische Lösung für Engpässe schon lange:

Fair-Use-Drosselung und -Verteilung

In Gegenden, in denen keine Festnetz DSL verfügbar ist, ermöglichen privatwirtschaftliche Lösungen per WLAN seit Jahren einen sinnvollen Zugang zum Internet. Bei diesen Modellen wird dabei die verfügbare Geschwindigkeit nur im Engpass gedrosselt und bestmöglich aufgeteilt. Eine sinnvolle Nutzung ist hierdurch auch im Engpass, d.h. beim Erreichen des Breitbandlimit des Netzes möglich. Eine derartige Fair-Use-Verteilung wäre technisch auch für Mobilfunk-Basisstationen ohne höhere Investitionen umsetzbar.

Falsche vs. echte Flatrates

Man muss nicht gleich soweit gehen und die Einführung von ungedrosselten mobilen Datenflatrates wie in Taiwan fordern. Der Begriff Flatrate ist jedoch aus Nutzersicht äußerst irreführend, denn eine Flatrate suggeriert eine unbegrenzte Nutzung. Während die zeitliche Nutzung unbegrenzt ist, liegt bei der zu übertragenden Datenmenge aufgrund einer extrem begrenzten (64 kbit/s) Datenübertragungsgeschwindigkeit de facto in der Gesamtbetrachtung der mobilen Nutzung sehr wohl eine Begrenzung vor.

 

 

Höhere Datenvolumen durch gesetzliche Neuregelung?

Dadurch dass den entsprechenden Ministerien und Behörden, durch die Kenntniss von den Aussagen der Rewheel -Studie, die Wichtigkeit von uneingeschränkten mobilen Internetzugängen im internationalen Vergleich bewusst ist, könnte man nun erwarten, dass die entsprechenden Behörden nun, zumindest ein Auge auf das Problem werfen könnten. Jedoch ist genau das Gegenteil der Fall: Das Bundeswirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur beschwören in einer gemeinsamen Stellungnahme ohne jegliche Argumentation die Tatsache herauf, dass der Mobilfunk in anderen Ländern von größerer Bedeutung sei als in Deutschland, da dort die Festnetz-Versorgung mit Breitband teilweise schlechter sei. Mit dieser Argumentation stilisieren Sie den Zugang zum mobilen Internet in Deutschland zum Luxusgut, weshalb höhere Tarifgebühren gerechtfertigt wären.

Die maßgeblichen deutschen Behörden verstehen unter DEM INTERNET nach wie vor die Nutzung des Internets im heimischen FESTNETZ.

 

Nachteile für Deutschland/ Deutsche Unternehmen

Die vorherige Aussage bedarf, in Anbetracht Ihrer maßlosen Fehleinschätzung, keiner weiteren Erklärung. Doch ein kurzer Blick auf die daraus resultierenden aktuellen und zukünftigen Nachteile für den Standort Deutschland, bzw. deutsche Unternehmen lohnt. Bei einem gleichbleibenden oder sich vergrößernden Abstand von durchschnittlichem Inklusiv-Datenvolumen im Vergleich zu anderen Ländern, führt dies u.a. zu folgenden Folgen 3.

  • Reduzierung des Mobile Shopping (Mobile-Commerce, etc.)
  • Reduzierung der Nutzung von kostenpflichtigen Services, APPs, etc.
  • Deutliche Einschränkung der Nutzung von datenintensiven Angeboten (Videostreaming, TV-Angeboten, etc.)

 

Die Nutzung von mobilen Services ist maßgeblich von ungedrosselten Internettarifen, bzw. Tarifen mit wesentlich größeren Inklusivvolumina abhängig. Ist die Nutzung eingeschränkt oder für manche Branchen, z.B. Videostreaming nicht möglich, dann stockt, schlicht aufgrund des fehlenden Bedarfs auch die Entwicklung neuer Services oder APPs in Deutschland. Langfristig behindert dies die Entwicklung von neuen mobilen Dienstleistungen und Softwareangeboten am Standort Deutschland, da der Bedarf schließlich zunächst in anderen Ländern vorhanden ist. 4

 

FAZIT

Ein staatlich incentivierter und subventionierter Breitbandausbau ohne Regulierung von Mindest-Volumina und Mindest-Drosselungsgeschwindigkeiten bei „unechten“ Flatrate-Tarifen ist unzureichend. Die Installation einer unterwegs interessanten APP wird, bei gedrosseltem Datenvolumen auf „später im WLAN“ verschoben und bspw. ganz vergessen. Die Tarif-Angebote in Deutschland müssen langfristig bzgl. der Menge an Datenvolumen zu den Nachbarländern aufholen, sonst könnte man die Sinnhaftigkeit des mobilen Breitbandausbaus in Frage stellen. Aber auch der festnetzfokusierte Breitbandausbau verliert an Bedeutung, wenn „das Internet“ weiterhin zunehmend mobile genutzt wird.

Auch bedarf es dringend aussagekräftiger Statistiken, welche die weitreichenden Auswirkungen und Effekte der Drosselungs-Tarife aufzeigen und den dadurch verursachten volkswirtschaftlichen Schaden sichtbar machen.

 

[UPDATE] Aufweichung der Netzneutralität | EU-Beschluss

Die obige Thematik gewinnt durch die erfolgte Aufweichung der Netzneutralität seitens der Europäischen Union nochmals an Bedeutung. In folge dessen kündigte die Deutsche Telekom AG Bestrebungen & Maßnahmen zur Sicherstellung von „guter Netzqualität“ an. Diese betreffen hingegen sowohl die mobilen, als auch die festnetzbasierten Telekommunikations-Services. Diese Ankündigung als Antwort auf den Beschluss zeigt bereits, dass die EU-Regulierung einen negativen Effekt auf die Kosten der Infrastruktur „Internet“ haben wird. Durch ein „Zwei-Klassen-Internet“ sind hierbei gewerbliche als auch private Nutzer gleichermaßen betroffen. Es bleibt abzuwarten wie schnell und wie stark die Telekommunikationsunternehmen den gesetzlich neu geschaffenen Gestaltungsspielraum zum eigenen Vorteil nutzen werden.

 

 

[UPDATE 2] LG Potsdam untersagt Pseudo-Datenflatrate

LG Potsdam untersagt im Prozess gegen die Verbraucherzentrale die Drosselung der Datengeschwindigkeit auf 64 kbit/s. Das Gericht weißt (ebenfalls) auf die faktische Nichtnutzbarkeit bei Drosselung hin. Das Urteil und die möglichen Folgen im Details.


  1. Es handelt sich um einen extrem schwammigen Begriff, siehe Wikipedia

  2. An dieser Stelle sei auch auf eine für Wirbel sorgendende Studie zur Thematik „Infrastrukturwandel in ländlichen Regionen“ hingewiesen, da viele Analogien zwischen Straßenbau und Netzausbau existieren

  3. Diese Liste ist selbstverständlich nicht abschließend und zieht sich gemäß der Wertschöpfungskette in unterschiedliche Branchen.

  4. Der weltweite Vergleich von Inklusive-Datenvolumen zeigt dieses Problem deutlich.

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