Same Day Delivery vs. Same-Moment-Delivery-Konzept

Während immer mehr Logistikdienstleister bestrebt sind konkurrenzfähige Same-Day-Delivery (SDD) Angebote anzubieten um im umkämpften Wettbewerb mitzuhalten, fragt sich der geneigte Beobachter, warum die Zeitoptimierung nicht konsequent zu Ende gedacht wird und nicht schon längst mehr Same-Moment-Delivery (SMD) Potentiale gehoben werden. Die folgenden Überlegungen befassen sich nicht mit der Realisierungs-, bzw. Detail-Ebene, sondern sollen auf konzeptueller Ebene zum Denken anregen.

 

Bestandsaufnahme aktueller Same Day Delivery Services

Amazon Same-Day:

Amazon liefert seit November 2015 in 14 Städten Bestellungen auf Wunsch und Verfügbarkeit taggleich aus. Für PRIME-Mitglieder ist dies ohne Aufpreis möglich, während für diesen Service ohne eine Prime-Mitglieschaft 9,99 EUR Versandkosten pro Bestellung berechnet werden. Details hierzu bei heise.

Mediamarkt & Saturn Expresslieferservice:

Im Vergleich zu Amazon hat die Media-Saturn-Gruppe einen etwas schnelleren Same-Day Lieferservice. Innerhalb von 3 Stunden, bzw. je nach Verfügbarkeit schon ab 90 Minuten erreichen die Produkte Ihre Käufer. Media-Saturn kann im Vergleich zu Amazon bereits auf existierende, dezentrale Warenlager, nämlich Ihre Warenhäusern zurückgreifen, was dem Service einen logistischen Vorteil verschafft. Zur Abwicklung setzt Media-Saturn auf die Services von tiramizoo.

Deliveryhero

Auch im Foodbereich bieten immer mehr Anbieter wie Lieferheld.de die Termingenau Zustellung von Gerichten. Was diese Konzepte auch aus logistischer Sicht für andere Branchen relevant macht, ist die Tatsache, dass wenn die benötigte Infrastruktur einmal aufgebaut ist, neben dem Foodbereich auch viele weitere Branchen bedient werden können. Eine Öffnung zur Lieferung von Elektronikartikeln im Same Day Delivery Prinzip der Food-Lieferdienste ist nicht nur denkbar sondern zu erwarten.

 

 

Bisherige Herausforderungen bei Express und Same Day Delivery-Lieferungen

Akzeptanzhürde Zusatzkosten

In Studien wurden u.a. die fehlende Akzeptanz seitens der Käufer zur Übernahme der Mehrkosten einer taggleichen Zustellung festgestellt. Allerdings ist die anwendungsbezogene Betrachtung der Nutzung des Same-Day-Delivery Services wesentlich zielführender. Die folgenden Sichtachsen sind hilfreich:

Dringlichkeit

Ist die Dringlichkeit, z.B. aufgrund eines defekten Gerätes, welches dringend ersetzt werden muss hoch, so steigt die Akzeptanz für einen aufpreispflichtigen Same-Day-Delivery-Service. Ist hingegen der Erhalt eines bestellten Artikels am nächsten oder übernächsten Tag ausreichend, dann nutzen die meisten Kunden den Same-Day-Delivery-Service nur dann, wenn er ohne Aufpreis wählbar ist.

Same-Day-Delivery kein sinnvoller Ersatz für Standardlieferungen (Next Day Delivery)

Dadurch dass z.B. Amazon allen Primekunden die Nutzung der Same-Day-Lieferung kostenfrei anbietet (Verfügbarkeit je nach Stadt), werden diese im Falle der Verfügbarkeit des Same-Day-Delivery-Services dazu übergehen ausschließlich diese Versandart zu wählen. Dabei würde diesen Kunden jedoch in den meisten Fällen eine Lieferung am nächsten Tag völlig ausreichen. Aus Gründen der logistischen Abwicklung und der dabei vergleichsweise ineffizienten Zustellung sollte die Same-Day-Zustellung sozusagen aufpreispflichtig sein. Da jedoch Amazon die Same-Day-Lieferung in Kombination mit dem PRIME-Programm zur Kundengewinnung bzw. als Wettbewerbsvorteil einsetzt, steht die Effizienz der logistischen Abwicklung nicht an erster Stelle.

 

Same Moment Delivery

Was bedeutet „Same Moment Delivery“ (SMD)?

Der Begriff „Same Moment Delivery“ ist vom Begriff „Same Day Delivery“ abgeleitet und bezeichnet eine umgehende Zustellung in Echtzeit. Grundsätzlich können unter dem Begriff alle Versandservices zusammengefasst werden, welche die Lieferzeit „im gleichen Moment“ ermöglichen. Eine Lieferung innerhalb von 5 bis 10 Minuten fällt dabei durchaus noch in dieses Raster. Eine feste Obergrenze einer maximalen Lieferzeit einer „Same Moment“ – Zustellung existiert hingegen nicht.

Packstationen – Der große Vorsprung für DHL

Mit den Paketkästen für Privathaushalte, die ausschließlich von DHL für die Zustellung genutzt werden können hat sich DHL langfristig keine Freu(n)de gemacht, was erste Erfahrungsberichte und Bewertungen zeigen. Hier ist zu erwarten, dass sich die anbieterübergreifende Lösung parcellock durchsetzen wird, auch wenn diese unter Projektverzögerungen leidet. Vor dem Hintergrund der Paketkästen geraten dabei die DHL Packstationen aus dem Fokus. Doch gerade in der bereits existierenden Infrastruktur der Packstationen zum Empfang und Versand von Paketen steckt ein enormes Potential zum Lieferzeit optimierten Empfang von Paketen. Mit der Packstation ist DHL hinsichtlich der Verbreitung und Nutzerakzeptanz ein großer Erfolg gelungen. So gab es im Jahr 2014 über 2.500 Packstationen mit rund 250.000 Paketfächern.

 

Same-Moment-Delivery-Potential von Packstationen

Betrachtung eines möglichen Konzepts zur Nutzung der Packstation-Infrastruktur

Der konzeptionelle Prozess wird durch ein „mieten“ von Packstationsfächern durch DHL-Vertragskunden erreicht. Insbesondere schnelldrehende Artikel, welche zusätzlich möglichst in Echtzeit benötigt werden (bspw. bei Defekt eines Smartphones), sind für diesen Anwendungsfall optimal geeignet. Der Versender des Artikel verschickt (manuell oder automatisiert) aufgrund seiner datenunterstützten Erfahrungswerte bestimmte Artikel ohne End-Adressat an bestimmte DHL Packstationen, über welche die relevanten Artikel häufig ausgeliefert werden oder einen Adressen-Hotspot für das bestimmte Produkt darstellen.

  • Nach Durchlaufen des Checkout-Prozesses und der Packstations-Adresse erhält der Kunde „im gleichen Moment“ die Meldung, dass die Ware bereits in der gewählten Packstation abgeholt werden kann.
  • Alternativ kann bei eingeloggten Kunden bereits auf der Produktdetailseite von sich bereits in der Packstation befindlichen Produkten ein werbliche Hinweis „Jetzt sofort in einer Packstation in Ihrer Nähe abholen“ dargestellt werden. Optional ist diese Lieferart  aufpreispflichtig anbietbar, da die Preissensibilität von dringend benötigten Produkten sehr niedrig ist.
  • Jedoch können auch Distributoren die „Beschicker“ der Packstationen sein, da die erwähnte und notwendige Datenbasis ohnehin bei Distributoren vorhanden ist. Dadurch könnten auch verhältnismäßig „kleine“ Handelsunternehmen Same-Moment-Delivery anbieten.
  • Durch Same Moment Delivery steigt die letztlich die intelligent Verfügbarkeit von Waren am Ort der Endverwendung.
  • Durch die fast vollständige Verbreitung der DHL Packstationen in der Fläche ergibt sich ohne Hardware-Invest ein logistisches Potential eine Same-Moment-Delivery Lösung.

Notebooksbilliger Same Moment Delivery Fotomontage

Fotomontage eines Ausschnitts des Check-Outs von Notebooksbilliger.de zur Veranschaulichung.

 

 

Dezentrale Warenlagerung

Alternativ zu Packstationen funktioniert das Same-Moment-Delivery-Konzept jedoch auch mit stationären Einzelhändlern. Die notwendige Infrastruktur bestehend aus der Packstations-Hardware würde durch flexible Kleinstlagerflächen in stationären Geschäften und Lagern ersetzt. Wird dann bspw. über Cyberport.de ein Iphone, das der Kunden dringend benötigt, per Same-Moment-Delivery in einem unabhängigen Ladengeschäft abgeholt, erhält der lokale Einzelhändler eine entsprechende Gewinn-Beteiligung oder Aushändigungs-Provision. Gleichzeitig kann der stationäre Einzelhändler durch diese dezentrale Auslagerung von Waren des Distributors in die Fläche (=Ort der endgültigen Warenabgabe) beiläufig ohne große Warenwertbindung sein Sortiment mit relevanten und schnelldrehenden Produkten erweitern – eine Detail-Konzeption vorausgesetzt.

An dieser Stelle sei die fiktive Kooperation zwischen Amazon und Aldi erwähnt, welche Axel Gronen† bereits im Jahr 2014 postulierte. Auch wenn es sich hierbei um einen Aprilscherz handelte, ist eine Kooperation in dieser Form alles andere als abwegig. Es ist nicht zu erwarten, dass Amazon auf diesem Gebiet schläft, auch wenn zunächst der Aufbau eines eigene Paketdienstes bei Amazon an oberster Stelle steht.

Bei welchen Produkten und Sortimenten ist Same-Moment-Delivery optimal?

  • Schnelldreher mit hoher Verfügbarkeits-Dringlichkeit (Smartphones)
  • Generell Business-Geräte mit großer Verbreitung (Standard Büro-Equipment)
  • Generell unabhängig vom Preis des Artikels nutzbar
  • Zeitkritische Ersatzteile/ Ersatzteillager
  • Verbrauchsmaterial (Toner)
  • etc.

 

Neue Geschäftsmodelle möglich

Basierend auf der durch Same-Moment-Delivery möglichen sofortigen Verfügbarkeit von, normalerweise zentral vorgehaltenen Produkten, können sich neue Geschäfstmodelle entwickeln. Vor dem Zeitalter des Video-Streamings a là hätte Same-Moment-Delivery beim Anwendungsszenario DVD-Online-Verleih sicherlich für einen zusätzlichen Kundennutzen sorgen können.

Abgrenzung zu „Predictive Logistics“

Es gibt bereits unterschiedliche Lösungen von Versanddienstleistern, welche unter Zuhilfenahme von angereicherten Daten (Big Data) intelligente Vorhersagen für unterschiedliche Prozesse in der Logistik ermöglichen. Der Versand eines Paketes ohne konkreten Empfänger ist bspw. ein Teilgebiet, das von Amazon USA unter dem Begriff „Anticipatory Shipping“ seit längerem intensive vorangetrieben wird. Im Unterschied zu Predictive Logistics verlagert Same Moment Delivery, z.B. mittels der Packstation die notwendige „Intelligenz“, bzw. Steuerfähigkeit in das Einflussgebiet der Paketversender, d.h. der Onlinehandelsunternehmen und Hersteller.

Same-Moment-Delivery vs. Same-Day-Delivery mit bestimmten Zeitfenster)

Durch die Zustellung „im gleichen Moment“ entfällt eine ganze Reihe von anspruchsvollen logistischen Prozessen:

  • Entkopplung von Zustellung und Abholung
  • Keine Fixierung des Zustellortes notwendig. Der Kunde gewinnt örtliche Flexibilität (Kann im Zeitfenster den Zustellort spontan verlassen)
  • Keine unnötigen doppelten, dreifachen, etc. Lieferwege von Zustellfahrzeugen pro Tag – Vermeidung ineffizienter Zustellung
  • Keine Avisierung eines passenden Zeitfensters notwendig – Restrisiko „Kunde nicht anwesend“ bleibt

 

FAZIT

Die Dringlichkeit des Bedarfs eines bestimmten Produkts wird auch in Zukunft sehr unterschiedlich sein. Same-Moment-Delivery wird daher Same-Day-Delivery ebenso wenig vollständig ablösen, wie auch Same-Day-Delivery nicht vollständig die Standardzustellung am nächsten  Tag ersetzen wird. Unterschiedliche Lieferarten haben verschiedene Vor- und Nachteile hinsichtlich Kundenzufriedenheit, Effizienz der Logistik und ökologischen Aspekten.

Same-Moment-Delivery stell vielmehr einen konsequenten weiteren Schritt für Versandhandelsunternehmen dar, näher an den Endverbraucher, bzw. den Ort der Verwendung heranzurücken. Stationäre Händler verlieren hingegen durch Same-Moment-Delivery den wohl wichtigsten USP der „sofortigen Verfügbarkeit“ im direkten Vergleich mit E-Commerce Handelsunternehmen.

 

Recent Posts

Kommentar verfassen